Für den Pfarrer der Universitätskirche, Bryan Milfort, war es eine Selbstverständlichkeit, den deutschen Lutheranern die Gottesdiensträume zur Verfügung zu stellen. Die Hilfe und Aufnahme durch englische Christen war überhaupt für die Gründung der Gemeinde von grosser Bedeutung. Die meisten ihrer ersten Mitglieder waren Nazi-Vertriebene, "nichtarische Christen" (Christen jüdischer Abstammung) und Leute aus der Bekennenden Kirche. Ihre Situation war in Deutschland verzweifelt: Wegen ihrer jüdischen Abstammung oder ihres entschiedenen Bekenntnisses verfolgt und bedroht, machten sie die Erfahrung, zwischen sämtlichen Stühlen zu sitzen.
Ein Beispiel ist Else Joseph, evangelische Tochter eines jüdischen Tierarztes.
Als sie Berlin verlassen wollte, wandte sie sich zunächst an die evangelischen Behörden. Dort wurde ihr gesagt: "Sie sind Jüdin. Sie müssen zum jüdischen Hilfsverband gehen." Beim jüdischen Hilfsverband wurde sie als Christin auch abgewiesen. Schliesslich lernte sie eine Quäkerin kennen, die ihr aus Deutschland heraushalf.
Über direkte persönliche Kontakte lief auch die Auswanderung bei H. Calé. Er war nach dem Judenprogrom im November 1938 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen bei Oranienburg gebracht worden. Eine Entlassung war nur bei einer schriftlichen Zusicherung möglich, dass er auswandern würde. Ein Londoner Geschäftsfreund seines Vaters übernahm schliesslich für ihn eine Garantie, und das machte ihm die Einreise nach England möglich.
Sehr schwierig war es für diejenigen "nichtarischen Christen", die über keine ausländischen Kontakte verfügten. Ohne finanzielle Bürgschaft war eine Einwanderung nach Grossbritannien ausgeschlossen.
Doch es gab in England immer wieder Stimmen, die versuchten, auf die Situation der in Deutschland Verfolgten aufmerksam zu machen und Beziehungen herzustellen. Für die "nichtarischen Christen" spielte G. Bell, Bischof von Chichester, eine ganz wichtige Rolle. Am 27. Juli 1938 nahm er in seiner ersten Rede im britischen Oberhaus zum Flüchtlingsproblem Stellung:
I wish to avoid rhetorital language in speaking of the actual facts and the overriding cause of the German refugee problem, but it is necessary to call attention to the basic element, namely, the figment of an Aryan race. The word 'Aryan' has some relation to language, but has no relation to biology, and it is a poor fantasy for which there is no scientific justification whatever. But the result of this fantasy is that those who are called non-Aryan, especially those of the Jewish race, cannot be counted as Germans, cannot be members of the German state, and must be deprived of every part in the German state and in many cases expelled ...
It is, however, important to notice that the question is not only a Jewish question. There are and will be religious and political refugees, and in particular I wish to emphasize the importance of what are called the non-Aryan Christians - that is to say, the Christians who, according to this racial theory, lack German blood ...
The non-Aryan Christians are worse sufferers than the Jews. While the Jews have the great Jewish Community behind them, the non-Aryan Christians are neither German nor Jews, from this point of view, and their claims on their fellow-Christians throughout the world have not, I am sorry to say, been brought home in the way they should have been brought home to the Christian Churches... .(cf. Hansard, The Parlamentary Debates, Fifth Series, Vol. CX, House of Lords, Official Report FourthVolume of Session 1937-1938, London 1938, S.1206, 1207:27 July 1938)
Für die Entstehung der Oxforder Gemeinde war jedoch die Initiative von Dr. Nathaniel Micklem, Principal des traditionsreichen Mansfield College, noch wichtiger. Micklem hatte sich schon im Ersten Weltkrieg darum bemüht, dass in den Gefangenenlagern deutsche Gottesdienste für die evangelischen Kriegsgefangenen eingerichtet wurden. Er verfolgte mit grosser Aufmerksamkeit den deutschen Kirchenkampf seit 1933 und sammelte die darauf bezüglichen Schriften und Dokumente. Was sich in Deutschland ereignete, sah er als Symptom der Erschütterung der christlichen Tradition an, das sich, obgleich langsamer, auch in anderen Ländern ausbreitete. Er wollte daher, dass die Theologiestudenten seines Colleges mit einem jungen Pfarrer der Bekennenden Kirche persönlich Kontakt hätten.
Im Frühjahr 1938 besuchte Micklem Deutschland, im Anschluss an diese Reise rief er im 'College Magazine' zur Unterstützung der verfolgten Pfarrer auf:
I might add that, since the Confessional Church in Prussia has been declared illegal and its theological schools have been closed, those whom it ordains are not recogniced and can draw no salaries; collections in Church for the ministers salaries are forbidden, and an increasing number of young ministers are trying to live on a precarious sixty or seventy pounds or so a year. I can hardly exaggerate to you the difficulties of the Church. (Nathaniel Micklem, To the Brethren of the Dispersion, in: Mansfield College Magazine No. 113, July 1938)
In besonders engen Kontakt war Micklem vor allem mit einem jungen Berliner Pfarrer getreten, dem aus Pommern gebürtigen Hans-Werner Kramm. Dieser wurde bald darauf im Auftrag Micklems von dem Chaplain des Mansfield College, Dr. John Marsh, eingeladen, in Oxford seine Doktorarbeit zu schreiben. Kramm war - wie auch Joachim Kanitz, der später gleichfalls in der Oxforder Gemeinde wirkte - aus jenem studentischen 'Bonhoeffer-Kreis' hervorgegangen, der sich seit 1932 in Berlin gebildet hatte: Unter D. Bonhoeffer, damals Assistent am Systematischen Seminar, war eine Bruderschaft junger Theologen entstanden. (cf. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer.Theologe.Christ. Zeitgenosse, München 1967)
Auch nach seiner Ordinierung 1933 war diese Verbindung für Kramm wichtig: Unter der Anleitung des Bruderrates stellte er Kontakte her zwischen der Bekennenden Kirche und der schwedischen Kirche. In dieser Position war er in exponierter Stellung und daher besonders gefährdet. Als Micklem ihn traf, war er nervlich angeschlagen und in schlechtem Gesundsheitszustand. Da er eine potentielle Führungspersönlichkeit in der Kirche und ein guter Wissenschaftler war, befürwortete auch der Bruderrat eine weitere wissenschaftliche Qualifizierung nachdrücklich.
Im Herbst 1938 nahm Kramm die Arbeit an seiner Dissertation über 'The conception of Church Order and Ministry in Luther and the early Lutheran Church considered in the light of Non-Roman Christianity in Scandinavia, Germany, and the British Isles' am Mansfield College auf. Diese Arbeit ist dort heute noch einsehbar, wobei leider die interessantesten Passagen, in denen Kramm zu den Geschehnissen in Deutschland Stellung nimmt, fehlen.
Als nach der Reichskristallnacht im November 1938 viele weitere nichtarische Flüchtlinge nach Oxford und überhaupt nach England kamen, bemühte man sich im Mansfield College, ihnen bei den Schwierigkeiten des Einlebens zu helfen. Dr. Micklem war es klar, dass für die evangelischen Nichtarier Gottesdienste in der Muttersprache wesentlich waren, und er stellte dafür Pastor Kramm die Mansfield College Chapel zur Verfügung, kam auch meist selbst zu den 14-tägigen Gottesdiensten. Zum ersten im Februar 1939 kamen acht Personen, zum nächsten schon zwanzig. Die Orgel spielte regelmässig, wie auch sonst für sein College, der senior student, der spätere Professor Eric Routley, mit grossem Verständnis für deutsche Kirchenmusik. Er bewohnte das Turmzimmer im College, wohin er die Gemeinde nach den Gottesdiensten einlud: "Nothing in this country without a cup of tea."
Im Herbst 1939 fanden die deutschen evangelischen Gottesdienste in der Oxforder Universitätskirche St. Mary the Virgin statt - der erste am 3. September, am Tage des Kriegsbeginns. Der Predigttext für diesen Tag war: "Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein." Im Anschluss daran hielt Pastor Kramm eine offizielle Dankrede. Marianne von Kahler, die damals beim Pfarrer der Universitätskirche, Dick Milford, wohnte, erinnert sich daran mit einem Schmunzeln: "Diese formelle Danksagung war eine typisch deutsche Idee. Der englische Pfarrer, Mr. Milford, dagegen sah alles etwas gelassener und fragte mich: "Do you think I shall better go and do some smiling?"
Doch im Evensong, der etwas später am Abend stattfand und den einige Glieder der Gemeinde besuchten, sagte Mr. Milford seiner Gemeinde, sie seien froh und dankbar, dass sie der deutschen evangelischen Gemeinde für die Dauer des Krieges Gastfreundschaft gewähren könnten, denn darin zeige sich, dass die Christen durch den Glauben an ihren Herrn verbunden blieben, auch wenn die Völker durch den Krieg getrennt seien.
St. Mary's hat sich treulich bemüht, dies Wort in der Kriegs- und Nachkriegszeit in die Tat umzusetzen. Auch die anderen Kirchen in Oxford waren stets bemüht, der Gemeinde behilflich zu sein. Dr. Moore, Fellow von St. John's College, nahm Pastor Kramm zu einem sehr bescheidenen Pensionspreis in sein Haus. Seine Frau liess es sich nicht verdriessen, wenn rat- und trostbedürftige Gemeindeglieder zu allen Tageszeiten ins Haus kamen, obwohl sie mit drei kleinen Kindern sehr beschäftigt war.
Es gab überhaupt viel zu raten und zu trösten. Wenn die spärlichen Briefe des Roten Kreuzes ausblieben, wusste man oft nicht, ob die Angehörigen in der alten Heimat verschleppt, ausgebombt oder gefallen waren. Dazu kam vielfach materielle Bedrängnis, denn erst nachdem die Kriegswirtschaft in Gang gekommen war, wurde auch die Arbeitskraft aller Refugees gebraucht.
Die Begegnungen mit der Anglikanischen Kirche waren auch in der folgenden Zeit wichtig für die Deutsche Evangelische Gemeinde Oxford. Im Mai 1940 predigte Bischof Bell aus Chichester zu der Flüchtlingsgemeinde: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die künftige suchen wir."
Gleich darauf predigte der Bischof von Chichester wieder. Als Text hatte er das Bussgebet des Zöllners gewählt: "Gott sei mir Sünder gnädig."
In den Kriegsjahren wuchs die Gemeinde langsam, als die aus London Evakuierten zu ihr kamen. Manchmal predigte nun der damalige Pfarrer von St. Mary, der Rev. Milford.
Es war ein grosser Tag für die Gemeinde, als im Februar 1943 der Erzbischof von Canterbury, Dr. Temple, zu ihr kam und predigte. Er sprach über das Wort des Apostels Paulus, das die Gemeinde als Wirklichkeit immer wieder erfahren hat: "Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesus." Galater 3,28
Ein paar Monate nach dem Erzbischof besuchte der Bischof von Oxford, der hochkirchliche und sehr gelehrte Dr. Kirk, die Gemeinde. Er äusserte Pastor Kramm gegenüber, dass man der Gemeinde als lutherischen Gemeinde Gastfreundschaft gewähren müsse. Wäre sie reformiert, wäre es das Gegebene, sich den Presbyterianern anzuschliessen. Diese Ansicht wurde nicht unbedingt von allen englischen Kirchenführern geteilt. Seine Absicht, in einem lutherischen Gottesdienst zu predigen, konnte Bischof Kirk wegen seiner schlechten Gesundheit nur einmal durchführen.
Nachdem Hans-Werner Kramm 1941 seinen Ph.D. gemacht hatte, hörte sein Stipendium vom Mansfield College auf. Zum Glück bot ihm damals die Mariengemeinde in London eine halbe Pfarrstelle an, die sie aus früher gestifteten Fonds bezahlen konnte. Ihre Kirche war zerbombt, ebenso wie die deutsche evangelische Kirche in Sydenham und die reformierte St.Pauls-Kirche im Osten von London. So bestand Anlass zu der Befürchtung, dass sich die Gemeinde verlaufen würde. Besonders die älteren Gemeindeglieder waren verängstigt. Sie fürchteten, dass als Folge der Bombenangriffe ähnliche Ausschreitungen gegen die Deutschen vorkommen könnten, wie sie sie 1916 nach der Torpedierung der Lusitania erlebt hatten. Zum Glück verwirklichten sich diese Befürchtungen nicht. Dies ist wohl auch den englischen Kirchen zu verdanken, die sich im 2. Weltkrieg entschlossen gegen jeden Chauvinismus in der Bevölkerung wandten.
Die zweite Hälfte von Kramms Gehalt kam zum Teil vom Mansfield College, das - erfindungsreich wie immer - vorschlug, dass Kramm Vorlesungen über Luthers Theologie im Regents Park College halten sollte. Man erhoffte sich dadurch auch eine Ausweitung der Luther-Forschung in England, die immer zu kurz gekommen war. Die Errichtung eines lutherischen Lektorats am Mansfield College geht auf Kramm zurück.
Den restlichen Teil von Kramms Gehalt mussten die Gemeinden selbst aufbringen. Dabei wurde weitgehend das Tütensystem benutzt. Es ist freilich immer gelungen, den Betrag aufzubringen, auch dann noch, als Pastor Kramm wegen seiner zunehmenden Arbeit für einige Wochenstunden eine Sekretärin brauchte und sich schliesslich auch ein eigenes Zimmer mieten musste.
Eine neue Heimat für die Flüchtlinge
Da Kramm jede zweite Woche in der Londoner Mariengemeinde war, fanden die lutherischen Gottesdienste in der Universitätskirche mit den alten gotischen Türmen und dem Barockportal nun alle vierzehn Tage statt. Anschliessend ging die Gemeinde in die Old Library (einem Versammlungsraum im 1. Stock) zu einem Vortrag und einer Diskussion. Regelmässig wurden Bibelstunden abgehalten, die auch nicht ausfielen, wenn der Pfarrer einmal nicht da war. Bei Gemeindenachmittagen im Hause von Dr. Meininger sprachen entweder er selbst, Prof. Grünhut, Prof. Schulz oder andere über Themen aus ihrem Forschungsgebiet. Vor allem aber übernahmen drei jüngere Frauen abwechselnd den Kindergottesdienst in der Old Library.
Auch ein Jugendkreis in Pastor Kramms Wohnung fand reges Interesse. Man kam nicht nur zusammen, um weltanschauliche Fragen zu besprechen, sondern auch, um Werke der Literatur vom "Faust" an zu lesen. Es bestand ein reger Nachholbedarf, weil für viele Teilnehmer der Unterricht in deutschen Schulen jäh abgebrochen worden war.
So wurde die Deutsche Evangelische Gemeinde in Oxford allmählich zu einem wichtigen Faktor im Leben der deutschen Flüchtlinge. Fräulein I. Steinitz erinnert sich an ihre erste Begegnung mit dieser Gemeinde:
Nach meiner Rückkehr nach Oxford kam ich mir oft einsam und verloren vor, ich kannte keinen Menschen. Es gab ein Refugee-Komitee, das uns zunächst, mal wieder mit Kleidern ausstattete. Sonntagnachmittage waren immer frei für die Hausangestellten. Mir wurde empfohlen, in die Church of England zu gehen, aber dort wollte ich nicht hin. Ich hatte einmal einen Gottesdienst in der Anglikanischen Kirche besucht und fühlte mich dort gar nicht zu Hause. Dann machte man mich auf ein Quäker-Meeting in der High Street mit anschliessendem Tee für alle aufmerksam. Dieses Quäker-Meeting sagte mir aber nicht zu, es war zu ruhig.
Das war im November 1940, es war die Zeit des 'blackout' in Oxford, alles war wegen der Gefahr von Angriffen verdunkelt. Ich ging auf die Strasse und wollte nach Hause gehen. Als ich zur High Street kam, sah ich eine grosse Kirche, die erleuchtet war. Das zog mich sehr an, ich ging hinein und zu meiner grossen Überraschung hörte ich deutsches Gerede: "Um Gottes Willen, was machen wir bloss?" - Offensichtlich herrschte grosse Aufregung. Ich fragte: "Was ist denn los?" Und mir wurde gesagt: "Wir hatten hier eben einen deutschen Gottesdienst, und unsere Orgel ist kaputt." Sofort kam Frau Liepmann und fragte: "Wer sind Sie?" Und ich antwortete:" Ich war noch nie hier, ich bin gerade erst angekommen." Sie erwiderte:" Na, dann müssen Sie mich ja besuchen kommen und hier in die Kirche eintreten." Ich hatte etwas Bedenken und sagte: "Ich bin eigentlich nicht christlich, eigentlich gehöre ich zu gar keiner Religion." "Das hat gar nichts damit zu tun", meinte darauf Frau Liepmann. Sie schrieb meine Adresse auf, und das war der Beginn von allem. Das nächste Weihnachtsfest war dann bereits in dieser Gemeinde, es war sehr schön, Pastor Kramm predigte.
Eine bleibende Erinnerung war der erste Gottesdienst in deutscher Sprache, den sie in Oxford erlebte, auch für Frau Elisabeth Reynolds. Die aus Karlsruhe stammende Tochter eines jüdischen Psychiaters war bereits getauft, da ihr Vater wollte, dass seine Kinder im christlichen Glauben aufwachsen: 'Ein Volk, eine Religion' war seine Auffassung.
E. Reynolds kam zuerst als mother's help nach Sommerset. Als Hitler einmarschierte, kam sie 1940 nach Oxford - Flüchtlinge durften nicht mehr in Grenzprovinzen sein. Im gleichen Jahr besuchte sie zum ersten Mal einen Gottesdienst in deutscher Sprache in der Universitätskirche St. Mary's:
Die ganze Kirche - nicht nur der Chor - war voll, neben den Oxforder Refugees waren auch die aus London Evakuierten da. Pastor Hildebrandt (später Professor der Theologie in Edinburgh) hielt eine wunderbare Predigt. Der erste Abend ist ist mir auch sonst in Erinnerung geblieben: Es war alles ganz verdunkelt - es war die Zeit des 'blackout' - aber es war eine wunderbare klare Mondscheinnacht, der Vollmond beschien die Mauern des benachbarten All Souls College - es war wunderbar.
In das Gemeindeleben einbezogen wurde Elisabeth Reynolds dann auch durch Pastor Kramm. Dieser beklagte sich, dass er so viele Briefe zu schreiben hatte, und Frau Reynolds bot sich an, ihm an ihren freien Nachmittagen zu helfen:
Das hat übrigens meinen Eltern sehr geholfen, die in ein KZ nach Frankreich deportiert waren. So sind sie auf eine protestantische Gemeinde in Frankreich gestossen.
Im März 1943 kam Dr. Johann Schneider als Einundzwanzigjähriger nach Oxford, um am Statistischen Institut der Universität zu arbeiten. Er suchte gleich einen Gottesdienst in der deutschen evangelischen Gemeinde auf:
Ein Jahr in Oxford - ein unverhofftes Glück mitten im Kriege. Und endlich wieder in einer Gemeinde unserer eigenen Kirche. Dort lernte ich auch Pastor Kramm kennen, der die Gemeinde im Februar 1939 in Mansfield College gegründet hatte. Mit H.W. Kramm hat mich dann, vor allem später in London, eine jahrelange Freundschaft verbunden. Ihm verdanke ich sehr, sehr viel. Durch ihn und seine Gemeinden Oxford und St. Marien-London, viel mehr als daheim in Böhmen, habe ich erst richtig lutherische Kirche, lutherische Gottesdienste, lutherische Theologie und den eigentlichen Reichtum unserer schönen Lieder kennengelernt. Und noch vieles andere durch den Jugendkreis in seiner Wohnung, der hat auch meinen deutschen Wortschatz wieder aufgefrischt, der durch Jahre in Südwestengland etwas eingerostet war!
In mancher Hinsicht war das Jahr in Oxford nicht leicht für mich, aber die Gemeinde hat mir und vielen anderen Halt und Heimal geboten und so manche Freundschaft begründet.
Frau Dr. Ursula Behr, die im Jahr 1941 nach Oxford kam, berichtete über die Frühzeit der Gemeinde Folgendes:
In Oxford erfuhren wir Flüchtlinge nicht nur von kirchlicher Seite viel freundliches Entgegenkommen. Die Schwestern Ruth und Rosemary Spooner veranstalteten in ihrem Haus Musikabende, zu denen sie besonders die deutschen Flüchtlinge einluden, die dort zwanglos englische Gäste kennenlernen konnten. Die christliche Studentenbewegung (S.C.M.) lud uns zu Clubabenden ein, wo man ausser einem anregenden Programm Leute aus aller Herren Länder treffen konnte und sich nicht als Fremder unter lauter Einheimischen zu fühlen brauchte.
Die Haltung der englischen Bevölkerung zu den 'enemy aliens' war viel toleranter als im 1. Weltkrieg, wo die in England ansässigen Deutschen vielfach angefeindet wurden. Man hatte jetzt gelernt, zwischen Deutschen und Nazis zu unterscheiden.. Als ich mir während des Krieges per Zeitungsannonce eine neue Stellung im Haushalt suchte und angab, dass ich Deutsche sei, bekam ich nicht weniger als 17 Angebote. Haushaltspersonal war ausserordentlich knapp, aber es war doch bemerkenswert, dass so viele Familien bereit waren, eine Deutsche in ihr Haus zu nehmen.
Der einzige, der etwas streng mit uns war (von Amts wegen), war der junge Wachtmeister von der Oxforder Polizei. Wir hatten damals eine Sperrstunde von zehn Uhr abends ab, aber Pastor Kramms Jugendkreis in seiner Wohnung dehnte sich meist länger als bis zehn Uhr aus. Mein Weg führte an der Polizeistation vorbei, und ich legte ihn zu Fuss, möglichst schnell, in unauffälliger dunkler Kleidung zurück, wurde auch nie gefasst.
Finanziell waren unsere Gemeinde und ihr Pastor recht knapp dran, wir alle lebten von Zuwendungen der Flüchtlingskomitees oder hatten eine sehr bescheidene Stellung. Umso nötiger war es, dass die Gemeindeglieder zusammenhielten und füreinander sorgten. Wenn der Pastor ein neues Hemd brauchte, machte ihm ein des Schneidern kundiges Gemeindeglied eins aus zwei alten. Die Gemeinde war für viele der Ersatz für eine Familie. Man hatte noch nicht so festen Fuss in England gefasst, dass man an Heiraten oder die Gründung einer Familie denken konnte. Trotz des Flüchtlingschicksals, trotz des Krieges und der Sorge um das Ergehen der Freunde und Verwandten in Deutschland, gehören für mich die Jahre in Oxford zu den glücklichsten Zeiten meines Lebens. Möge Gott der Gemeinde in Oxford und ihrem Pastor weiterhin seinen Segen und viel fruchtbare Arbeit schenken.